Wurstautomaten, Zuchtbullen und ein Mausoleum
Der Prickingshof im Münsterland

(12.07.07 / EM)

Das Münsterland ist ein durch Ackerbau, Vieh- und Pferdezucht geprägter deutscher Landstrich - da liegt es nahe, genau diese Merkmale geschickt zu vermarkten. Bis zur Perfektion betrieb dies ein Münsterländer Bauer, dessen Hang zum Überdimensionalen noch heute sprachlos macht.

Haltern am See, idyllisch gelegen an den Ausläufern des Ruhrpotts im Münsterland: Ein Stausee, saftige Wiesen und Weiden - und der Prickingshof als groteske Attraktion inmitten dieser Szenerie. Täglich passieren Dutzende von Reisebussen die Pforten des Hofes vom umtriebigen Bauern Ewald Döppner, und laden Hundertschaften von Touristen ab, zumeist im Rahmen von organisierten Tagesfahrten. Sie kommen von weit her, aus allen Regionen Deutschlands, häufig sogar aus dem europäischen Ausland.

Ihr Ziel: in den meisten Fällen ist es das "Schlemmerpaket", eine im Pauschalangebot versprochene, mit Wurst vollgepackte Einkaufstüte: Schinkenwurst, Bauernmett oder Schwartemagen, der Kenner ländlich-rustikalen Genusses kommt hier voll auf seine Kosten. Beliebt ist es, sich im Restaurant mal so richtig sattzuessen, schließlich verspricht der Prickingshof "Riesenportionen". Die Güte der Mahlzeit wird eben an der Quantität gemessen.

1000 Maschinen bäuerlichen Brauchtums

Offensiv wirbt der Hof in Postwurfsendungen für zentral organisierte Fahrten nach Haltern mit "Natur pur", die es auf dem Hof zu erleben gilt, und verspricht einen "Tag voller Überraschungen". Dafür sorgen Planwagenfahrten, eine "bäuerliche Tierschau" sowie Attraktionen wie ein Besinnungspark oder ein Museum mit "rund 1000 Maschinen bäuerlichen Brauchtums der Vergangenheit", wie es kaum verständlich heißt - gemeint sind Traktoren der letzten hundert Jahre. Weiter wirbt der Prospekt mit einem Unterhaltungsprogramm - in Anführungszeichen - was zu denken geben sollte, ebenso wie die Ankündigung, daß beim "Danz op de Deel" die wichtigsten Elemente neben Musik "Stimmung und Humor" sind; wer jetzt an die Münsterländer Antwort auf Fips Asmussen denkt, liegt bestimmt nicht falsch.

Die wahren Attraktionen sind aber vielmehr die Schweine-Peepshow und Wurstautomaten. Wirft man ein Zweieurostück in den Automaten, kullert alsbald eine Dauerwurst in eine Auffangschale. Als Andenken kann der Besucher Postkarten, ein Hofvideo und Lebkuchenherzen mit den Aufschriften "Bauer Ewald" oder "Bäuerin Maria" mit nach Hause nehmen. Der schwerste Zuchtbulle der Welt indes, einstmals auf dem Prickingshof daheim und der ganze Stolz von Bauer Ewald, ist inzwischen verstorben, lebt jedoch in einem überlebensgroßen Denkmal auf den Dächern der Stallanlagen fort. Die Szenerie ist schlicht grotesk.

Gesamtkunstwerk in Fraktur

Einen wichtigen Teil des Hofes als Gesamtkunstwerk nehmen die gereimten Sinnsprüche ein, die eingerahmt oder auf rustikalen und verzierten Brettern im gesamten Hof ausgestellt sind. Allen gemein ist die Herkunft, denn Bauer Ewald legte großen Wert auf die Kenntlichmachung seiner Urheberschaft dieser Weisheiten. So steht dort z.B. als "Vorhersage" in Frakturschrift zu lesen:

"Wenn der Prickings-Hof solange steht, bis Hass und Neid vorübergeht, wird er für wahr solange steh'n, bis diese Welt wird untergeh'n".

Man mag kaum entscheiden, ob Bauer Ewald auf sprachliche Feinheiten mehr Wert gelegt hat als auf philosophischen Anspruch. Sehr konkret ist hingegen der folgende Sinnspruch, der die rege Unternehmerschaft Ewalds unterstreicht: "Sowas hat die Welt noch nicht gesehen, Hunderte von Menschen bleiben täglich hier stehen, hier kann jeder auch an Sonn- und Feiertagen, Wurst in Mengen mit nach Hause tragen."

Streichelzoos und Wurstverarbeitung

Begonnen hat die Erfolgsstory im Münsterland der Nachkriegsjahre, als der aus bescheidenen Verhältnissen stammende Ewald Döpper, Jahrgang 1929, in die Familie Pricking einheiratete und die Bewirtschaftung ihres Hofs übernahm. Er überzeugte schließlich seine Schwiegermutter Änne von der grundlegenden Mechanisierung des Betriebes. Bauer Ewald, wie er sich fortan nannte, hatte zudem die pfiffige Idee, das Vieh nicht mehr lebend an den Händler zu verkaufen, sondern selbst zu schlachten und zu verwerten und dann direkt auf dem eigenen Hof an den Endverbraucher zu vermarkten. Der Kunde sollte seine Würstchen und seinen Braten also nicht mehr im Supermarkt kaufen, sondern gleich bei Bauer Ewald.

So ist heute aus dem einstmals kleinen bäuerlichen Anwesen ein Mastbetrieb riesigen Ausmaßes geworden, der komplett auf Publikumsverkehr ausgerichtet ist. Der Hof wurde stark erweitert und mit großzügigen Parkplatzflächen versehen, um die enormen Besucherströme fassen zu können. Zahlreiche Attraktionen warten heute auf den Ausflügler und bieten allerlei Zerstreuung: Ein Kinderspielplatz mit einer Riesenrutschbahn und ein Streichelzoo für die Kleinen fehlen ebensowenig wie ein Traktorenmuseum, ein Besinnungspark mit Wildgehege und ein Rhododendronpark.

Ob man bei einem Mastbetrieb wie dem Prickingshof allerdings wie angekündigt von "Natur pur" sprechen kann, oder ob auf dem Prickingshof dem Tierschutz, der inzwischen als Staatsziel im Grundgesetz verankert ist, genüge getan wird, darüber läßt sich trefflich streiten. Letztlich hat gerade die Tierhaltung einen nicht unerheblichen Einfluß auf die Qualität der Erzeugnisse. Wie überzeugt hingegen die Mitarbeiter von Bauer Ewald von seinem Treiben waren, belegt eine stolz ausgestellte Festrede zu seinem sechzigsten Geburtstag, in der es unter anderem heißt:

"Dein Plan war, ein Museum bauen;
einen Park, ein Restaurant,
eine Brücke des Verstehens, viele Meter lang.

Bald sollten auch in frohen Farben
die Fahnen aller Länder weh'n
als Geste Deiner Freundschaft,
damit die Menschen sich versteh'n."

Kurz: Was für die Friedensbewegung der Dalai Lama ist, das war für das Münsterland Bauer Ewald. Weiter heißt es:

"Für diesen Hof - das darf man sagen -
da war Dir jedes Mittel recht,
und so manches Risiko hast Du getragen;
ob es gut war oder schlecht."

Selbstironie oder Kritik sollte man hinter diesen Zeilen aber nicht vermuten; vielmehr entsprechen diese Reime dem Selbstbildnis des Unternehmers Ewald Döppner.

Taj Mahal im Münsterland

Beschrieb sich Ewald in einem selbstverfaßten Buch noch als "immer planenden und bauenden" Bauern, so kam sein Ende völlig unerwartet: Er starb im November 1994 plötzlich und mit ihm der Bau eines Hotels mit nicht weniger als 300 Betten, um damit die Tagestouristen länger an die Attraktion zu binden. Seit seinem Tod wurde das Tempo der Baumaßnahmen auf dem Prickingshof deutlich gedrosselt. Heute leitet sein Sohn Thomas den Betrieb, hält sich aber eher im Hintergrund und kümmert sich geschickt um eine zeitgerechte Vermarktung: So fehlen Musikevents mit Stargästen aus der Schlagerszene ebensowenig wie Familientage, Oldtimertreffen oder Kutschenkorsos.

Ein zentrales Bauwerk wurde aber nach dem Tod von Bauer Ewald noch fertiggestellt, und es macht sprachlos: Inmitten des Hofes steht nunmehr ein Mausoleum, in dessen Inneren das Leben von Bauer Ewald nachgezeichnet wird. Das Leben eines Mannes, der Selbstgerechtigkeit für eine Tugend hielt, wirtschaftlichen Erfolg mit menschlicher Größe gleichsetzte und sich selbst als Friedensstifter sah. Nicht mehr und nicht weniger.