Mit 74.000 Besuchern verzeichnete die Fachmesse „Jagd & Hund“ Anfang Februar einen neuen Besucherrekord. Dabei präsentierte sie nicht nur allerlei Neuerungen und Nützliches, sondern ebenso Eigentümliches und Merkwürdigkeiten. Wir machten einen Rundgang durch die Messehallen.
In den entlegendsten Winkel der Messehalle dringen seltsame Geräusche und machen neugierig, welcherart Tier denn dort auf der Aktionsbühne umhertollt: Doch ist es keine Meute kläffender Hunde und keine Herde wilder Elche, welche die Aufmerksamkeit der Besucher dort auf sich zieht, des Rätsels Lösung ist ebenso simpel wie skurril: Zehn erwachsene Männer sind gerade dabei, unter Zuhilfenahme verschiedener Hörner oder Muscheln den Brunftruf eines Hirsches zu imitieren. Es geht hier um nichts weniger als um den Deutschen Meistertitel der Hirschrufer. Zudem winken den drei Erstplazierten einer der begehrten Teilnahmeplätze für die Europameisterschaften der Hirschrufer, die Ende Juni in Tschechien stattfinden werden.
In drei Runden werden die Kandidaten von einer fachkundigen Jury bewertet. Schließlich müssen sich fünf von ihnen in einem finalen Stechen gegeneinander messen: Nun geht es darum, den Ruf eines jungen Hirschen zu imitieren, der einen alten Hirsch herausfordert. Alle Teilnehmer sind noch einmal hochmotiviert und röhren, was Kehlen und Hörner hergeben. Dann steigt die Spannung, die Jury beratschlagt sich ein letztes Mal, bis der Sieger feststeht: Bester Hirschrufer ist dieses Jahr Immo Ortleb aus Wedemark bei Hannover, während der Vorjahressieger Josef von Gostkowski sich diesmal mit dem Titel des Vizemeisters zufrieden geben mußte.
Doch ganz so ungewöhnlich wie dieser Wettbewerb ist das Treiben auf der „Jagd & Hund“ ansonsten nicht: Vielmehr handelt es sich bei dieser Veranstaltung um Europas größte Jagd- und Angelmesse. Zwischen dem 5. und 10. Februar 2008 öffneten sich für jenes Klientel zum 27. Mal die Tore der Dortmunder Westfalenhallen, wobei die Messe in diesem Jahr einen neuen Besucherrekord verzeichnete: Über 74.000 Jäger und jagdlich Interessierte pilgerten an diesen sechs Tagen in die Messehallen der Westfalenmetropole.
Die Jäger, Sammler und Fährtenleser sind in den Westfalenhallen durchaus als Verbraucher unterwegs: An den 570 Ständen können sie sich nicht nur über allerlei Neuerungen aus der Welt der Jagd informieren, sondern diese direkt an Ort und Stelle erwerben. Das Angebot umfaßt Jagdbekleidung, Angelbedarf und Waffen – vom Einzellader bis zum vollautomatischen Gewehr, ob Standardmodell oder mit individuellen Verzierungen: sie können an Ort und Stelle in Augenschein genommen, selbstverständlich aber nicht ausprobiert werden. Großflächig präsentieren Autohersteller ihre neuesten geländegängigen und technisch aufgemotzten Fahrzeuge, die im normalen Straßenverkehr wegen des astronomisch hohen Benzinverbrauchs häufig nur Kopfschütteln ernten.
Norwegenfreunde haben die Auswahl zwischen einer Vielzahl von Veranstaltern, die Angelreisen in das Land der Trolle und Fjorde anbieten. Zunehmend beliebt sind aber Reisen in entlegenere und unbekanntere Teile Europas: So zählt das diesjährige Partnerland Ungarn „zu den Top-Adressen in Sachen Jagdreisen“, wie es schon in der Ankündigung zur Messe heißt. Und wen es in fernere Regionen der Erde zieht, findet in Afrika beste Jagdmöglichkeiten. Der neueste Trend sind kombinierte Jagd- und Wellnessangebote: Tagsüber auf der Safari Trophäen sammeln, abends im Pool oder in der Sauna ausspannen.
Zwischen den zahlreichen Ständen mit Thermosocken, präparierten Tierköpfen oder Hundeleckerchen finden sich immer wieder Dinge, die Grenzbereiche des Tolerierbaren ausloten: So präsentiert ein Anbieter Bücher über alle kriegsrelevanten Themen, vor allem aber über „Deutsche Nahkampfmittel bis 1945“, „SS Helmets“, Deutsche Koppelschlösser 1919-1945“ oder den „Katalog der Blankwaffen des Deutschen Reiches 1933-1945“. Für interessierte Sammler geben diese Werke „Sicherheit bei Kauf, Verkauf und Tausch“. Und in dem Buch „Die deutsche Fallschirmtruppe 1936-1941“ ist der Hinweis beruhigend, daß ihre Geschichte „wissenschaftlich exakt und wertfrei aufgearbeitet“ wurde.
Ein paar Meter weiter laufen bei einem DVD-Händler Grünröcke in schwarzweiß über einen kleinen Monitor, eine Jagdgesellschaft mit so bekannten Persönlichkeiten wie Hermann Göring. Da ist es gut zu wissen, daß alles wissenschftlich exakt und wertfrei aufgearbeitet wurde. Der Messestand eines sogenannten Jagd-Kinos in Paderborn ist für den Laien vielleicht etwas irritierend, für die anwesende Jägerschaft aber ein Anziehungspunkt: Sportschützen aller Altersklassen zielen mit Laserpointergewehren auf eine Leinwand, auf der in einer Filmsequenz gerade Wildschweine vorübertraben.
Unterhaltung anderer Art bietet da eine Schau mit lebenden Tieren: Eine Halle weiter präsentiert der Falkner Ivo verschiedene Greifvögel. Der Vogelbändiger hat unter anderem einen Wüstenbussard und einen Falken mitgebracht, die auf der Suche nach einem Beutetier lautlos über den Köpfen der Zuschauer durch die Messehalle gleiten. Als der Bussard dann aus Versehen auf dem kahlen Haupt eines Besuchers landet, hat dieser die Lacher auf seiner Seite. Großer Beliebtheit erfreuen sich die verschiedenen Hundeschauen: Während der Moderator mit sonorer Stimme den Unterschied zwischen Stöberhunden, Apportierhunden und Schweißhunden erklärt, führen zahlreiche Besucher ihre Rassefiffis sichtlich stolz über die Showbühne. Der Höhepunkt ist ein nichtendenwollender Strom an Teckeln: Wie unfair wäre wohl eine Jagd auf diese kurzbeinigen Freunde des Menschen? Aber so etwas – nein, so etwas kennt der moderne Jagdsport zum Glück nicht.